Intensives „Stadtgespräch“ in Elzer Hotel mit Experten von AG Rettungsdienst

Elzes Stadtgespräch-Gastgeber Andreas Bosk (v.l.) mit den Experten von der AG Rettungsdienst, Jan Schöps und Meik Hüpper. (Foto: Kuhlemann)
Elze – Mit dem „Stadtgespräch“ will Andreas Bosk, Bürgermeisterkandidat für Elze, ein neues Format in der Saalestadt etablieren. Den Auftakt seiner Reihe machte am Montagabend das sehr komplexe Thema „Warten auf den Rettungswagen“, das mehr als 20 Interessierte in Stichweh’s Hotel am Bahnhof lockte, darunter auch Ratsmitglieder aus Elze sowie die Kreistagsabgeordneten Iris Sikiera (SPD) und Melissa Wucherpfennig (Die Unabhängigen). Über die Neuorganisation des Rettungsdienstes wird seit Monaten diskutiert, laut Bosk sei die Verunsicherung in der Bevölkerung groß.
Hingergrund: Die Ausstattung des Rettungsdienstes im Landkreis Hildesheim wird durch den Bedarfsplan geregelt, der ab 1. Juli 2026 neu organisiert werden soll. Den Bedarfsplan hatte der Kreistag im Sommer mit den Stimmen der Mehrheitsgruppe verabschiedet. Der sieht unter anderem vor, Rettungswagen mit Notfallsanitätern nur noch in echten Notfällen einzusetzen.
Laut Planung ist vorgesehen, die Zahl der Rettungswagen zu reduzieren und stattdessen verstärkt auf Krankentransportwagen mit – im Vergleich – weniger qualifiziertem Personal zu setzen. Wiederstand dagegen gab es von der im November 2024 gegründeten Arbeitsgemeinschaft (AG) Rettungsdienst Hildesheim, die im Kreistag eine Petition mit mehr als 42.000 Unterschriften gegen diese Vorlage übergab. Laut AG Rettungsdienst, die befürchtet, dass sich durch den neuen Bedarfsplan die Versorgung verschlechtern werde, gebe es noch jede Menge offene Fragen, daher werde sie weiterhin unbequem sein – so die Berichte in den Medien.
Und genau von dieser AG Rettungsdienst hatte sich Andreas Bosk für den Diskussionsabend fachkompetente Verstärkung geholt: Meik Hüpper und Jan Schöps (beide sind seit vielen Jahren im Rettungsdienst tätg) informierten die Runde im Saal über den aktuellen Stand der Dinge, brachten jede Menge Zahlen mit – und standen auch für Fragen zur Verfügung.
Bei der Begrüßung hob Bosk hervor, dass er durch das Gespräch mit Experten mehr Transparenz und Klarheit schaffen wolle (das sollte auch für das Rathaus als Platz für offene Kommunikation gelten), so dass sich alle eine eigene Meinung bilden können. „Ein guter und schneller Rettungsdienst ist nicht nur entscheidend für die eigene Gesundheit, sondern auch für die Lebensqualität der Stadt“, so Bosk.
Gemeinsam mit den Experten wurde in Elze unter anderem erklärt, welche Fahrzeuge zur Verfüfung stehen – Rettungswagen (RTW), Notarzteinsatzfahrzeug (NEF), Notfallkrankentransportwagen (NKTW) und Krankentransportwagen (KTW). Auch der Begriff „Hilfsfrist“ wurde erklärt: In 95 Prozent aller Notfälle muss ein Rettungswagen (RTW) innerhalb von 15 Minuten vor Ort sein (P 95). Wichtig: Diese Frist gilt ausschließlich für Notfalleinsätze – nicht für Krankentransporte. In Elze würde die Zahl in 87 Prozent der Fälle erfüllt werden (laut statistischem Institut für Notfallmedizin gemessen im Zeitraum von Januar bis Juni), doch in anderen Gemeinden nicht, wie zum Beispiel in Holle (74) oder Freden (51,7).
Neben den Begrifflichkeiten wollte Bosk auch wissen, wie ein Notruf über die 112 abläuft. „Der Anruf kommt bei der Feuerwehr-Leitzentrale in Hildesheim an, wo einer von sechs Disponenten anhand einer standardisierten Notfallabfrage innerhalb kürzester Zeit entscheiden muss, welches Fahrzeug wo hingeschickt wird“, informierte Meik Hüpper dazu. Das könne man eigentlich niemandem zumuten. 60 Sekunden Zeit hätten die Einsatzkräfte zum Ausrücken. Für Elze sei das kein Problem vom Standort Gronau aus, ansonsten würden noch die Standorte Hildesheim, Alfeld und Sarstedt zur Verfügung stehen. Insgesamt gebe es im Landkreis Hildesheim 30 Fahrzeuge, davon in Gronau vier Rettungswagen.
Bisher gab es 26 songenannte Mehrzweckfahrzeuge. Zukünftig soll es (laut neuem Bedarfsplan) eine differenzierte Flotte geben – mit einer Reduzierung auf 18 Rettungswagen zur Erfüllung der Hilfsfrist. Damit soll laut Plan sichergestellt werden, dass Rettungswagen im Notfall tatsächlich sofort einsatzbereit sind. Zur Umstellung des Systems heißt es im Rettungsdienstbedarfsplan: „Mit der neuen Struktur setzen wir Personal und Fahrzeuge gezielter ein – RTW sind vorrangig für echte Notfälle da, weniger dringende Transporte übernehmen andere Fahrzeuge. Der neue Plan stellt sicher, dass die richtigen Fahrzeuge mit dem richtigen Personal zum Einsatz kommen – je nach Lage. Außerdem soll somit dem Mangel an Fachpersonal begegnet werden“.
Die Mitglieder der AG Rettungsdienst sehen das eher problematisch, wie sich beim Diskussionsabend herausstellte. So bemängelten sie beispielsweise, dass der Plan anhand der Grundlagen von Untersuchungen eines Gutachters erstellt worden sei, nicht aber – wie in anderen Landkreisen – von geschulten Mitarbeitern „des eigenen Hauses“. Danach seien Fehler entstanden, wie beispielsweise die Nicht-Berücksichtigung des Flecken Delligsen, der im Nachhinein noch eingerechnet worden sei. Der Landkreis habe zwar das Fachamt 205 (Amt für Bevölkerungsschutz), doch da würden keine Praktiker sitzen, wie es bei anderen Landkreisen der Fall sei. Anbieten würde sich Personal, dass über Erfahrungen im Rettungsdienst verfügt.
Auf die Nachfrage aus dem Publikum, warum denn eigentlich der Rettungsdienstbedarfsplan geändert werden müsse, antwortete Jan Schöps: „Ziel ist es, die Kosten zu senken. Kostenträger sind die Krankenkassen, die Druck ausüben.“ Es werde zwar nicht weniger Fahrzeiten, dafür aber weniger Rollzeiten geben.
Die Experten von der AG Rettungsdienst befürchten, dass sich durch den neuen Plan die „Hilfsfristen“ verschlechtern würden. Zum Beispiel auch deshalb, weil es in der Nacht im gesamten Landkreis keine Vorhaltung von KTW oder NKTW`s gibt.
Daher gibt es aktuell eine zweite Petition, die an den Niedersächsischen Landtag gerichtet ist – und für die bis zum 20. Oktober 5.000 Unterschriften benötigt werden. „Es gibt schon 3.200, da fehlen nicht mehr viele“, freute sich Bosk darüber, dass die Rettungsdienstplan-Kritiker der AG Rettungsdienst weiter politischen Druck ausüben. „Es geht um die Gesundheit aller Generationen – wir müssen uns informieren und austauschen. Dabei müssen beide Seiten berücksichtigt werden, und niemand darf jemand anderem absichtlich Schaden zufügen“, so Elzes Bürgermeisterkandidat. Man könne nur alle bitten, die politische Entscheidungen treffen, zu kommunizieren.
Damit spielte Bosk auf den Hildesheimer Kreistag an, der in der Sitzung heute ab 16 Uhr beim Tagesordnungspunkt 18 (Rettungsdienstbedarfsplan, Überprüfung des Kreistagsbeschlusses) über entsprechende Änderungsanträge entscheiden wird.
2. Elzer Stadtgespräch
Schon jetzt kündigt Elzes Bürgermeisterkandidat Andreas Bosk das nächste Elzer Stadtgespräch an, bei dem Anfang November das Thema „Sportstättenentwicklung“ im Mittelpunkt stehen wird, das alle Vereine der Einheitsgemeinde beschäftigt.
Bericht von Rolf Kuhlemann
Quelle: Leine Deister Zeitung, 25.09.2025
